Wenn Lernen den Körper braucht
- Chantal Wolfisberg
- 6. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen
Alle Kinder wollen lernen. Doch ihr Körper bringt dafür nicht immer von Anfang an die nötigen Voraussetzungen mit. Still sitzen, aufmerksam bleiben, einen Stift sicher führen oder Reize ausblenden gelten im schulischen Alltag oft als selbstverständlich. Tatsächlich sind diese Fähigkeiten jedoch das Ergebnis früher körperlicher Reifungsprozesse.
Konzentriertes Lernen entsteht nicht allein durch Motivation, Übung oder Willenskraft. Es baut auf neuro- und sensomotorischen Entwicklungsprozessen auf, die in den ersten Lebensjahren stattfinden. Sind diese noch nicht ausreichend integriert und ausgereift, kann Lernen viel Energie kosten. Ein genauer Blick auf die körperlichen Grundlagen lohnt sich deshalb.

Die Bedeutung frühkindlicher Reflexe für die neuronale Reifung
Bevor ein Kind stillsitzen, zuhören, schreiben oder Zusammenhänge erfassen kann, muss sein Nervensystem grundlegende Entwicklungsaufgaben abgeschlossen haben. Dabei sind sowohl die frühkindlichen sensomotorischen Reflexe als auch die freie Bewegungsentwicklung von zentraler Bedeutung.
Frühkindliche Reflexe sind automatische Bewegungs- und Spannungsantworten auf innere und äussere Reize. Sie entstehen bereits vor der Geburt, werden vom Hirnstamm gesteuert und bilden das neurologische Startprogramm des Menschen. In der frühen Kindheit sichern sie das Überleben, unterstützen den Aufbau von Körperspannung und bereiten die Entwicklung willkürlicher Bewegung vor. Gleichzeitig fördern sie die Reifung der Nervenbahnen zwischen Hirnstamm, Kleinhirn und Grosshirn.
Damit sich höhere Bewegungs-, Wahrnehmungs- und Denkprozesse entwickeln können, müssen diese Reflexe im Verlauf der ersten Lebensjahre schrittweise integriert werden. Integration bedeutet nicht Unterdrückung, sondern eine funktionelle Umwandlung. Ein Reflex gilt als integriert, wenn er nicht mehr automatisch ausgelöst wird und seine Qualität in gezielte, willkürliche Bewegung übergeht. So wird beispielsweise der asymmetrisch tonische Nackenreflex zur Grundlage von Überkreuzbewegungen, Rumpfrotation und später auch von Lesen und Schreiben.
Lernen durch Bewegung: Das Nervensystem formt sich selbst
Dieser Reifungsprozess verläuft nicht kognitiv, sondern durch Bewegung, Wiederholung und eigene Erfahrung. Greifen, Rollen, Stützen, Drehen, Krabbeln und Aufrichten liefern dem Nervensystem die nötigen sensorischen Rückmeldungen, um reflexhafte Muster in bewusste Bewegungsorganisation zu überführen.
Besonders wichtig sind die ersten 12 bis 18 Monate, in denen sich das Kind schrittweise gegen die Schwerkraft aufrichtet. Über Drehen, Stützen, Sitzen und Krabbeln bis hin zum freien Gehen entsteht die sogenannte neuromotorische Aufrichtung. Mit jeder neu erarbeiteten Körperhaltung sammelt das Kind grundlegende Sinneserfahrungen wie Muskelspannung, Gleichgewicht, Körperlage im Raum, visuelle Orientierung und innere Körperwahrnehmung. Diese Erfahrungen bilden die Grundlage für stabile Körperhaltung, koordinierte Bewegungen und spätere Konzentrationsfähigkeit. Bereits kleine Abweichungen in diesem frühen Entwicklungsprozess können langfristig Aufmerksamkeit, Selbstregulation und Lernfähigkeit beeinflussen.
Wichtige Meilensteine um den 7. Lebensmonat
Um den 7. Lebensmonat herum entwickeln sich zwei zentrale neuromotorische Meilensteine:
Hand-Becken-Stütz
In der Bauchlage lernt das Kind, sich kraftvoll gegen die Schwerkraft aufzurichten und den Rumpf über Hände und Becken zu tragen. Der dabei entstehende gezielte Druck in Händen, Schultern, Wirbelsäule und Unterbauch stärkt Knochen, Gelenke und Muskulatur und legt die Grundlage für Stabilität, Aufrichtung und spätere feinmotorische Fähigkeiten.
Auge-Hand-Mund-Fuss-Koordination
Parallel dazu entwickelt sich in Rückenlage das bewusste Zusammenspiel von Augen, Händen, Mund und Füssen. Das aktive Hochziehen der Beine stärkt die Bauch- und Rumpfmuskulatur, unterstützt die Formung von Becken und Wirbelsäule und bereitet den Körper auf das Hochziehen in den Stand sowie auf erste Gehbewegungen vor.
Diese alternierenden, kreuzlaterale Bewegungen sind entscheidend für die Integration von links und rechts, die Rumpfstabilität und die koordinierte Bewegung beider Körperhälften – Grundlagen, die für Krabbeln, Gehen, Laufen und spätere flüssige Bewegungsabläufe. Bleiben die Erfahrungen in Bauch- und Rückenlage unvollständig, reifen diese Bewegungen nur eingeschränkt, die Körperstabilität ist reduziert und Bewegungen wirken insgesamt weniger flüssig und koordiniert.

Konzentriertes Lernen beginnt im Körper
Damit ein Kind sich über längere Zeit konzentrieren kann, braucht es mehr als kognitive Fähigkeiten. Neben vertrauensvollen Beziehungen zu den Unterrichtenden ist Sicherheit im eigenen Körper eine zentrale Voraussetzung. Ein gut integriertes sensomotorisches Fundament ermöglicht es dem Kind zwischen Aktivität und Ruhe zu wechseln, Aufmerksamkeit zu halten und Reize zu ordnen. Dazu gehören unter anderem:
eine stabile Körpermitte
eine angemessene Muskelspannung
eine differenzierte Körperwahrnehmung
die Fähigkeit, Reize zu filtern
und eine gute Zusammenarbeit beider Gehirnhälften
Fehlt diese Grundlage, kostet Konzentration viel Energie – oft begleitet von Erschöpfung oder Lernverweigerung. Hat ein Kind Mühe mit dem Sitzen, wird es sich nur schwer auf Rechnen, Lesen oder Schreiben konzentrieren können. Ist das Halten des Stifts anstrengend oder verkrampft, wirkt sich dies unmittelbar auf das Schreiben von Buchstaben und Zahlen aus. Der Körper ist dann bereits mit Basisaufgaben beschäftigt, während das Gehirn eigentlich Lerninhalte verarbeiten sollte.
Wenn Entwicklungslücken bestehen bleiben
Verzögerte Bewegungsentwicklung, Blockaden oder nicht vollständig integrierte Reflexe können dazu führen, dass das Nervensystem unbemerkt im Kompensationsmodus arbeitet. Das Kind bemüht sich, doch der Körper ist dauerhaft damit beschäftigt, grundlegende Stabilität und Regulation aufrechtzuerhalten. Lernen wird dadurch anstrengend. Typische Anzeichen können sein:
Schnelle Ermüdung
Unruhe beim Sitzen
Erhöhter Ablenkbarkeit
Starker Bewegungsdrang
Verkrampftes Schreiben
Intensive emotionale Reaktionen auf scheinbar kleine Auslöser.
Diese Erscheinungen haben nichts mit mangelnder Motivation oder fehlender Begabung zu tun – oft fehlt eine tragfähige körperliche Grundlage für müheloses Lernen.
Neurodivergenz und ADHS differenziert betrachten
Manche Kinder, die den schulischen Anforderungen nur schwer gerecht werden, erhalten im Verlauf eine Einordnung im neurodivergenten Spektrum (z.B. ADHS). Symptome wie Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten oder Impulsivität müssen jedoch nicht ausschliesslich auf eine Aufmerksamkeitsstörung hinweisen. Häufig spiegeln sie ein Nervensystem wider, das noch stark mit grundlegenden Entwicklungs- und Regulationsprozessen beschäftigt ist.
Ein solcher Blick erweitert das Verständnis und eröffnet zusätzliche Möglichkeiten der Unterstützung – jenseits von reinen Leistungsanforderungen oder ausschliesslich symptomorientierten Ansätzen.
Er lädt dazu ein, körperliche Zusammenhänge mitzudenken und zu prüfen, ob gezielte Bewegungsimpulse das Nervensystem in seiner Reifung unterstützen können. So entsteht Raum, Entwicklung zu begleiten, statt Verhalten ausschliesslich zu bewerten oder Symptome zu regulieren.
Craniosacral Therapeutische Begleitung bei Entwicklungsnachholbedarf
In meiner craniosacraltherapeutischen Arbeit mit Kindern verbinde ich gezielte Bewegungsimpulse mit feiner manueller Begleitung des Nervensystems.

Ich arbeite unter anderem mit Übungen aus dem neuromotorischen Übungsprogramm für Kinder von Wiebke Bein-Wierzbindski, Autorin des Buchs «Eine kleine Raupe geht auf Wanderschaft».
Die kindgerechten Bewegungsabfolgen greifen frühkindliche Entwicklungsschritte auf und unterstützen die Integration noch aktiver sensomotorischer Reflexmuster. Sie fördern auf spielerische Weise die Bewegungsentwicklung, die Eigenwahrnehmung und die Konzentrationsfähigkeit – zentrale Voraussetzungen für Lernen im Vorschul- und Grundschulalter.
Ergänzend setze ich sanfte craniosacraltherapeutische Impulse an den oberen Kopfgelenken, einem Bereich, der massgeblich an Aufrichtung, Gleichgewicht und der Koordination von Wahrnehmung und Bewegung beteiligt ist. Die Kombination aus Bewegung und Berührung kann dem Nervensystem helfen, sich neu zu ordnen und körperliche Voraussetzungen für konzentriertes Lernen zu stärken.
Einladung
Wenn Lernen für dein Kind viel Kraft kostet oder häufig von Unruhe begleitet ist, lohnt sich ein genauerer Blick. Gerne kläre ich in einem ersten Gespräch, ob diese Form der Begleitung für euch passend sein könnte.
Ich freue mich darauf, dich oder Menschen aus deinem Umfeld auf diesem Weg zu begleiten und herauszufinden, was durch feine Berührung in Bewegung kommen darf.
© Chantal Wolfisberg, alle Rechte vorbehalten.

